Gemälde und Ölgemälde in einer Online - Galerie und Ausstellung.Leben als Moorkolonist - als Lohn der frühe Tod

 

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Das Leben der Moorkolonisten um das Jahr 1800

 

Tätigkeiten der Kolonisten neben dem Torfgraben und Anbau

Kolonisten hausieren mit selbst gefertigten Waren

Das Moor um das Jahr 1700 nach Christus

Der Prediger Anton Bolenius bringt den Buchweizenanbau

Brennen des Moores

Hauptbestandtheile eines fruchtbaren Moorbodens

Die Abwässerung - Entwässerung der Moore

Aus Gruben gewonnene Torferde wird zerkleinert

Das Brennen der Buchweizenfelder

Aufgabe des „Moorkers“ beim Moorbrennen

Aussaat nach dem Abbrennen des Moores

Ein Buchweizenfeld - Die Gefahren beim Anbau

Kultur des Buchweizens eine starke Schattenseite

Fläche Moor, jährlich in und um Ostfriesland abgebrannt

Luftverschmutzung durch das Moorbrennen

Leegmoor

Das ärmliche Leben eines Moor-Kolonisten

Ein Leben ohne Träume, ohne Jugend, ohne Kultur

Quelle: Globus, 1864

Die Moore Ostfrieslands.


Von Hermann Meier in Emden.


Beschäftigung der "Mooreker", — Der Anbau des Buchweizens und dessen Einfluß. — Eingehende Betrachtungen über das Moorbrennen und den Höhenrauch. — Die Leegmoore,


Die fleißigen Kolonisten setzen alles daran, sich eine Zukunft zu schaffen. Im Frühling und Sommer wird Buchweizen gesät und Torf g
egraben und letzterer das ganze Jahr hindurch von den "Moorhahnen", wie der Städter diese Leute scherzweise nennt, auf kleinen mit Ochsen oder gar mit einem erbärmlichen Pferde bespannten Wagen in die nächste Stadt zum Verkauf gefahren. Männer und Weiber und Kinder flechten in den Mußestunden Strohmatten oder binden Besen von Haide, mit welchen sie ebenfalls zur Stadt kommen, oder Alle sitzen um das hellodernde Torffeuer, um grobe Strümpfe zu stricken, theils für den eigenen Bedarf, theils und vorzüglich für den Verkauf. Schon bei Anbruch des Tages sieht man sie in der oft drei bis vier Stunden entfernten Stadt mit Besen und Matten von Thür zu Thür hausieren, aber dieser Erwerbszweig wird indeß in vielen Fällen wiederum mir als Mittel zum Zweck, zum Betteln, gebraucht. Denn nicht selten gewahrt man, daß sie die kleinen Kinder, die entweder auf dem Rücken, oder in der Schürze mitgeschleppt werden, vor dem Thore entkleide», um durch durch den halbadamitischen Zustand die Barmherzigkeit und das Mitleid wach zu rufen.


Vor ungefähr 150 Jahren lieferte die Oberfläche des Moores außer unbedeutendem Material zu Besen gar nichts. Ums Jahr 1707 kam ein Prediger, Anton Bolenins, der längere Zeit in der holländischen Provinz Groningen gestanden hatte, nach einem Dorfe Ostfrieslands. Auf seiner holländischen Stelle hatte er sich mit der Kultur des Buchweizens auf dem unkultivirt daliegenden Moore bekannt gemacht. Er ließ jetzt von dort einen Mann nach seinem Dorfe kommen, damit dieser seinen Pfarrkindern Unterricht in der Kultur jener Frucht ertheile: wie man die Oberfläche des Moores im Herbst umhackt und im nächsten Frühling brennt, um alsdann Buchweizen säen zu können. Die Kunde dieses neuen Erwerbszweiges verbreitete sich bald in der ganzen Umgegend, und von Nah und Fern eilte man herbei, dieses Verfahren kennen zu lernen, so daß nach wenigen Jahren schon in verschiedenen Gegenden der Buchweizenbau eingeführt war. Dadurch wurde in diesen Gegenden eine förmliche Umwälzung herbeigeführt. Starre, düstre Haide verwandelte sich in blühende Buchweizenäcker, an denen sich der Blick des Wanderers ergötzte, und deren reicher Ertrag die Mühe des Kolonisten reichlich belohnte; einzelne Häuser und ganze Kolonien belebten bald die menschenleere Oede, die früher mir von einem einzelnen Schäfer mit seiner Herde oder von den Torfgräbern unterbrochen wurde. Die Geschichte bewahrt die Namen Derer auf, welche sich durch Morden und Sengen unsterblich gemacht haben, aber die Namen der Wohlthäter der Menschheit, die durch stilleres Verdienst glänzen, sind dem Gedächtniß bald entschwunden. Darum ist es Pflicht, die noch bekannten von Zeit zu Zeit der Mit- und Nachwelt ins Gedächtniß zu rufen, und wir stimmen dem Biographen unseres Bolenius vollkommen bei, wenn er den Ostfriesen zuruft: „Segnet das Andenken dieses Mannes, meine Landsleute!“


Als diese Benutzungsart der Moore allgemeiner bekannt wurde, ward ihre weitere Einführung und Ausbreitung auf den ausgedehnten herrschaftlichen Mooren durch die Fürsten Ostfrieslands selbst unterstützt und von der Regierung auf alle Weise befördert. (Erst 1744 starb der letzte ostfriesische Fürst und wurde das Land preußisch.) Aber auch an Anfeindungen fehlte es nickt. Besonders klagten die fürstlichen Jagdbeamten über die Beschädigungen und den Verfall der Wildbahnen, man erließ Edikte gegen das unbefugte, willkürliche und ganz ordnungslose Brennen des Moores, aber ohne Erfolg. Der unter mancherlei Gestalt auftretende Geist der Zeit schritt auch über die Moore, vor ihm entfloh das niedere Wild, der feiste Hirsch, er verscheuchte auch zugleich die letzte und einzige Poesie der ostfriesischen Moore zum allergrößten Theile. Denn die jetzige Oede ist weit von aller Poesie entfernt. Man brennt Hochmoor und Leegmoor, kultivirt aber hauptsächlich letzteres, da eine Bebauung des Hochmoores überaus kostspielig ist. Dafür liefert es allerdings denn auch einen ausgezeichneten Ackerboden.


Die obere Decke, nur Pflanzendecke, ist ganz humoser Natur, aber wasserdurchzogen, sauer und locker. Wenn ein solcher Boden Frucht bringen soll, muß er mit Sand, Lehm und Kalk vermengt werden, wodurch er alle Hauptbestandtheile eines fruchtbaren Bodens erhalt. Aber unsere Hochmoore haben eine von 4 bis über 20 Fuß mächtige Torfschicht, unter welcher erst der Sand, meist auch der Lehm, bisweilen selbst der kalkhaltige Boden stehen; diese Kulturmittel aus dem Untergründe auf das Hochmoor zu schaffen, ist bei solcher Mächtigkeit, wenn auch möglich, doch im Allgemeinen zu kostspielig, sie mußten also von anderen Orten herbeigeschafft werden. Aber auch diese Methode würde viel zu viel Geld kosten und ist deshalb für unverwendbar zu erklären.


Zum Buchweizenanbau wählt der Kolonist gern einen etwas abhängenden Boden oder doch einen solchen, auf dem die Abwässerung nicht zu große Schwierigkeiten bereitet. Ein solches Feld wird im vorhergehenden Jahre vermittelst gerader, parallel laufender Gruben, die etwa zwei Fuß tief und ebenso breit sind, in 15 bis 20 Fuß breite Äcker gelegt.

 

Die ans diesen Gruben gewonnene Torferde wird auf die zu bearbeitenden Äcker geworfen. Die Oberfläche derselben, die aus Moosen, sogenannten sauren Gräsern und Haide besteht, wird mittelst eines sogenannten Hauers umgerissen, wodurch dieselbe in lauter ungleichmäßige Stücke verwandelt wird, die etwa 1/2 Fuß Länge und Breite und 3/4 Fuß Dicke haben und wegen ihrer durcheinander gewürfelten Lage dem Froste Thor und Thür öffnen, da dieser die Fruchtbarkeit in nicht geringem Maße befördert. So bleibt der zerstückelte Boden bis zum nächsten Frühling liegen; alsdann werden die Gruben nachgesehen und nöthigenfalls verbessert, die Äcker gehackt, damit das Austrocknen leichter von statten gehe und die größeren Stücke in kleine Haufen gebracht, die, einige Schritte von einander entfernt, eine Reihe bilden. Auch dies hat den Zweck, das Trocknen zu befördern.

 

So liegt nun das Feld bis zum Monat Mai; alsdann, wenn keine Nachtfröste mehr zu fürchten sind, beginnt man mit dem Brennen des Buchweizenfeldes. Man bringt das Feuer zuerst in die kleinen Haufen, weil diese am trockensten sind, und sobald diese halbdurchgebrannt, wirft man die brennenden Stücke gegen den Wind hin überall auf die Äcker, wodurch dann auch die noch am Boden liegenden Klötze entzündet werden. Denn hierauf eben beruht das Gelingen der Arbeit. Die Erhitzung des Bodens ist der eigentliche befruchtende FMalereior; durch das Brennen muß dem Boden die die Vegetation hindernde Säure entzogen werden. Die Asche allein würde nur wenig nützen.


Mitten in diesem Feuer, in diesem höllischen Rauch steht der „Moorker“ in starken Holzschuhen und wirft mit einer langgestielten, alten, durchlöcherten Pfannkuchenpfanne die brennenden Stücke dahin, wo es noth thut, lockert das Ganze von Zeit zu Zeit ans und wirft die glimmenden Klötze stets gegen den Wind. Zugleich aber sorgt er auch dafür, daß der Boden nirgends in Flammen geräth, sondern nur gelinde brennt und schmaucht; darum hat er ja auch so viele Stücke am Boden liegen lassen, die, weil nicht vollständig trocken, nicht flammen können, wie er nicht weniger dafür Sorge zu tragen hat, daß das Feuer das ihm bestimmte Revier nicht verlasse und auf den angrenzenden Haidefeldern oder auf kultivirtem Lande einen Prairiebrand im Kleinen erzeuge. Es dauert gewöhnlich 24 bis 36 Stunden, ehe ein Stück Land ausgebrannt ist.


Nachdem der Brand gelöscht ist, beeilt man sich, die Frucht hineinzusäen, und damit der Saame bedeckt werde, ohne daß die Asche verwehe, fährt man leise mit einem Dorn darüber hinweg, wenn nicht der Regen dies Geschäft übernimmt, der meistens nach beendigtem Brande niederfällt. Auf diese Weise säet man nicht nur Buchweizen, sondern auch Roggen, Hafer etc. Das kann erfahrungsgemäß mit gutem Erfolge sechs Jahre hinter einander geschehen, dann aber bedarf das Moor einer zwanzigjährigen Ruhe, um seine obere Decke zu regeneriren. Wird das Brennen länger als im Allgemeinen etwa sechs Jahre fortgesetzt, so werden zwar noch einige immer dürftiger werdende Ernten erzielt, die Reproduktionskraft des Moores zur Wiederherstellung seiner obern Pflanzendecke wird aber so unverhältnißmäßig geschwächt, daß das Moor, wie man in Ostfriesland sagt, „todt“ gebrannt wird, und todt ist es dann für 30 Jahre und länger.
Im September wird der Buchweizen mit der Sense oder der Sichel abgeschnitten, oder, wenn er so niedrig geblieben ist, daß solches nicht ohne Verlust der Körner geschehen kann, mit der Hand ausgezogen. Die Garben werden meistens dort gedroschen, wo die Frucht gewachsen ist. Dieses geschieht auf Segeln oder Betttüchern. Wer aber auf seinem Buchweizenlande eine kompMalereie Stelle hat, der macht zum Dreschen hier eine kleine Tenne, wozu nichts weiter erforderlich ist, als diese Stelle zu ebnen, zu reinigen und etwas Buchweizenspreu hineinzudreschen. Die zu dreschenden Garben setzt man aufgerichtet dicht neben einander, so daß man von oben auf die leicht abspringenden Körner einschlägt.


Ein Buchweizenfeld mit seiner hübschen, schneeweißen Blüthe mitten im schwarzen, düstern Moor erscheint wie eine Oase in der Wüste, aber auch für den „Moorker“ ist die Frucht derselben von großer Wichtigkeit; ohne sie wäre das Moor unfruchtbar und öde, eine unbewohnbare Wüste. Geschieht es leider nicht selten, da der Buchweizen zu den weichlichsten Getreidearten gehört, daß der Boden wegen häufigen Regens nicht zur rechten Zeit gebrannt werden kann, oder daß die Nachtfröste die Pflanze gleich nach ihrem Aufwachsen tödten, dann ist unter den Moorbewohnern Mangel und Noth gar sehr daheim. Denn wenn wir unser Vaterland auch nicht mit Irland oder einzelnen Theilen Oberschlesiens in eine Reihe stellen wollen und können, so ist doch das Fehlschlagen der Buchweizenernte hier so wenig ohne Folgen, wie dort der Kartoffelmißwachs. Der Buchweizen muß die eine Hälfte der täglichen Nahrung liefern, auf einen guten Ertrag borgen Krämer und Bäcker schon lange vorher ihre Waaren, ein Übriges ist bestimmt, die wenigen Thaler Zinsen zu erlangen, die man vielleicht für das Kapitälchen, welches zur' Verbesserung des Hauses, zur Anschaffung einer Kuh etc. diente, zu zahlen hat.


Ist der Himmel dem „Moorker“ gnädig, dann darf er eine zwanzig-, dreißig-, ja oft vierzigfältige Ernte erwarten.


Für uns Städter und für die Bewohner der westlichen Gegenden hat die Kultur des Buchweizens eine starke Schattenseite. Wenn alle Welt sich des lieblichen Mai's freut und jubelnd seine sonnigen Tage genießt, dann geschieht es gar nicht selten, daß sich unser blauer Himmel mit einem grau-gelben Nebel überzieht, daß die Sonne wie eine blutrothe Kugel erscheint und endlich, wenn jener Nebel sich verdichtet, ganz unsichtbar wird. Alle Gegenstände, die uns umgeben, sind gelblich. Das kann doch kein Nebel sein, denn ein solcher verändert ja die Farbe der Gegenstände nicht. Was ist denn das? Ist's ein aufgelöstes Gewitter, ist's ein mit Schwefeldämpfen geschwängerter Nebel, ist's zersetzte Kohlensäure, sind es „Lufttröpfchen“, die das Licht anders brechen, als die umgebende Luft, ist's der von Nordamerika herüber gewehte Rauch eines Prairiebrandes, sind es abgefallene Kometenschwänze? Allerdings hat eine Reihe von Gelehrten die genannte Erscheinung für Alles das, was wir so eben aufzählten, gehalten, und unser „Moorker“, der vielleicht hin und wieder durch Pastor und Lehrer davon Knude erhielt, lachte laut auf und fragte jedenfalls mit großem Recht: Und solche Leute nennen sich Naturforscher? Ist denn ein solcher Naturforscher ein Mensch mit unvollkommenen Sinnesorganen? Unseres Bedünkens hält es doch so schwer nicht, Rauch von Nebel zu unterscheiden, uund jede gesunde Nase wird bald finden, daß Rauch, nur Rauch, ächt kräftiger, ostfriesischer Rauch die Luft erfüllt und die Sonne zum Zürnen gebracht hat.


Es gibt bei uns zu Laude ein Sprüchwort: Liebe Kinder haben viele Namen. Jener Rauch wird Höhenrauch, Haarrauch, Heerrauch, Sonnenrauch, Haiderauch (französisch brouillard sec, englisch dry fog, holländisch veenrook, heirooK, seerooK) genannt, wonach es ihm also an Liebenswürdigkeit nicht fehlt. Wir nennen ihn Moorrauch, und dieser Name bezeichnet ihn auch am richtigsten.


Nach Dr. Prestel in Emden, der sich wiederholt mit Untersuchungen über den Moorrauch beschäftigt hat, beträgt die Fläche Moor, welche jährlich in und um Ostfriesland gebrannt wird, 30 bis 40.000 Morgen, und wenn man bedenkt, daß nach dem Brennen die Oberfläche mit einer Aschlage von etwa 1 1/2 Centimeter bedeckt ist, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung von der Rauchmasse machen, die ans diese Weise erzeugt wird. Prestel berechnete, daß die Höhe der Rauchmasse über dem Bourtanger Moor, welches 25 Quadratmeilen groß ist, während des Brennens 9 bis 10.000 Fuß betrug. Die ganze zwischenliegende Luftschicht war also mit dichtem Rauch angefüllt.


Es versteht sich von selbst, daß es nur vom Winde abhängt, nach welcher Richtung sich der Rauch verbreiten soll. Da das Brennen nur bei anhaltend trockner Witterung vor sich gehen kann, solche aber gewöhnlich mit einem östlichen oder nordöstlichen Winde vereint ist, so erreicht unser Ranch in erster Stelle das benachbarte Holland, um sich mit dem dort geborenen Bruder zur Weiterreise zu verbinden, falls nicht die Windströmung dieses engverbundene Paar aufhält oder gar wieder in die Heimath des erstern zurücktreibt.


Im Jahre 1857 begann man bei einem ziemlich starken nordöstlichen Winde hier in Ostfriesland am 6. Mai mit dem Brennen. Schon am folgenden Tage zeigte sich der Moorrauch in Utrecht, etwas später, als der Wind östlicher geworden war, schweifte derselbe über Leeuwarden nach dem Helder und besuchte bis zum 15. das Meer. Nun wurde der Wind nordwestlich, der Moorrauch kam vom Meer zurück und erreichte am 16. wieder Utrecht und etwas später auch Nimwegen. Am 16, und an den folgenden Tagen sah man ihn auch in Hannover, Münster, Köln, Bonn, Frankfurt; am 17. war er schon nach Wien vorgedrungen, erreichte am 18. Dresden und am 19. Krakau.


Nicht selten führt der Wind den Moorrauch über See nach England, seltener gewahrt man ihn in der Schweiz, wo er mehrfach zu Schaffhausen, Zürich, Basel und Genf wahrgenommen wurde. Wahrscheinlich ist dies seine äußerste südliche Grenze, da ihm vielleicht die Alpen ein: Bis hierher und nicht weiter! zurufen.
Man hat übrigens wiederholt dem Moorrauch den Vorwurf gemacht, er führe durch Verunreinigung der Atmosphäre ein Heer schädlicher Folgen nach sich, und hat daran die Forderung geknüpft, das Moorbrennen gesetzlich zu verbieten.*)


Es wird behauptet, daß der Moorrauch einen nachtheiligen Einfluß auf die Witterung übe. Es scheint so viel ziemlich sicher zu sein, daß durch die aufsteigende Hitze eine vermehrte Luftströmung herbeigeführt und Wind geboren wird.


Unsere Obstgärtner beschuldigen den Moorrauch, daß er die Haarfliege (Bibio manci /,) mit sich führe, welche ihnen die Apfelblüthen zerstöre. Dies ist ein doppelter Irrthum. Erstens wird die genannte Fliege nicht vom Moorrauch erzeugt oder mitgeführt, sondern die Larven dieses Insektes leben unter der Erde und ihre Metamorphose findet Ende April oder Anfang Mai statt, ungefähr zu der Zeit, wenn die Moore gebrannt werden; der Unkundige meint deshalb, der Moorrauch sei schuld au ihrem Dasein. Zweitens aber zerfrißt keineswegs die Moorfliege die jungen Apfelblüthen; dies thut der Apfelblüthenstecher (Aetonomus pomarium /, ), und ist also dieser vor die Schranken des Gerichts zu fordern.


Im Jahre 1826 berichtete die Regierung zu Trier an den König, „daß der Moorrauch auf den Weinbau einen entschieden nachtheiligern Einfluß habe, als irgend eine ungünstige Witterung“! In keinem Jahre wurde das Rheinthal stärker vom Moorrauch heimgesucht, als 1858. Dennoch fiel die Weinlese in jeglicher Beziehung so günstig aus, wie irgend je zuvor.


Als wohlbestallter Vertheidiger des arg verläumdeten Moorrauchs haben wir nun noch die Frage aufzuwerfen: Kann unser Klient unter Umständen auch nützlich werden? eine Frage, die auf den ersten Blick ungereimt erscheint.
Daß im Frühling so viele Pflanzen verunglücken, verschulden zum großen Theil die Nachtfröste. Diese entstehen durch die Ausstrahlung der Wärme aus dem Boden bei heller, unbewölkter Luft. Ein Thermometer, welches im Grase liegt, steht sieben bis acht Grad höher, als ein in der Luft hängendes. Wells befestigte ein Thermometer auf eine horizontale Planke, die sich zwei Fuß über der Erdoberfläche befand, ein zweites an die Unterseite derselben. Jenes stand 5 Grad niedriger, als dieses. Er bedeckte bei einigen Zoll Höhe die Erde mit einem Battisttaschentuche und fand bei hellem Himmel das Gras unter dem Tuche 6 Grad wärmer, als in der nicht bedeckten Umgegend. Dies Alles beweist hinreichend, daß die Erde oder die darauf wachsenden Pflanzen nur bedeckt zu sein brauchen, um den Nachtfrösten nicht anheim zu fallen.


Was ein dünnes Taschentuch vermag, das vermögen auch die Wolken, und wo diese fehlen, künstlich erzeugter Rauchnebel, der sich über den Boden und die darauf wachsenden Pflanzen als eine schützende Decke ausbreitet.
Es wäre also der Versuch zu machen, in der Zeit der Nachtfröste durch Raucherzeugung diesen Feind vom Buchweizen abzuhalten, ein Versuch, der um so leichter gemacht werden kann, da Brennmaterial im Ueberfluß vorhanden ist.


Als die Spanier Mexico erobert hatten, fanden sie bei den Eingeborenen die Gewohnheit, zur Abwehr der Nachtfröste trockenes Stroh oder Misthaufen zu verbrennen. Die Spanier glaubten, dieses durch eifriges Beten ersetzen zu können. „Aber das Gebet ohne Ranch“ — sagt ein spanischer Schriftsteller — „half nichts mehr!“


Doch kehren wir wieder in die ostfriesischen Moore zurück.
Die Leegmoore (abgegrabenes Moor) werden im Ganzen seltener und auch nicht so lange gebrannt, als die Hochmoore, sondern meist bald nach der Enttorfung kultivirt. Der neue Boden ist bei gehöriger Entwässerungu Düngung der allerdankbarste, selbst da, Ivo der Untergrund aus weißem Sand besteht; mehr noch natürlich da, wo man mit Mergel vermengten oder lehmigen Boden unter dem Torfe findet. Unter den beiden Arten von Sand, weißem und rothem (eisenhaltigem), gibt man dem rothen als Kulturgrund den Vorzug. —


Der Kolonist, der sich hier niederläßt, hat meistens nichts, als seine gesunden Hände und den festen Vorsalz, sich durch Fleiß und Ausdauer einen Heerd zu gründen. Ein Haus ist bald gebaut: einige Pfähle werden in die Erde gerammt, die Wände von Torf und „Plaggen“. (Stücken des obern Moorbodens) aufgebaut, das Stroh zum Dach schenkt vielleicht der frühere Brodherr, einige auf einer Versteigerung erstandenen Fenster bringen Licht ins Haus, wenige zusammengeschlagene Planken vertreten die Stelle der Hausthür. Schloß uud Riegel sind Luxusartikel. Mann und Frau haben noch einige ersparte Thaler aus dem letzten Dienstjahre. Für diese werden Tisch und Stuhl, ein Bett und das allernothwendigste Arbeitszeug gekauft. Mißräth nur in den ersten Jahren die Buchweizenernte nicht ganz, liefert das bescheidene Gärtchen nur nicht zu viele kranke Kartoffeln, kann der Mann sogar noch etliche Tage in der Woche als Tagelöhner bei seiner frühern Herrschaft arbeiten, dann ändert sich sein Zustand von Jahr zu Jahr zum Bessern. Das Hans wird verbessert und durch Stall und Tenne vergrößert, und ist man erst so glücklich, bei der Hinterthür einen nicht zu kleinen und zu magern Düngerhaufen zu erblicken, dann ist der Mann einer selbständigen und gesicherten Existenz schon um mehrere Schritte näher gerückt.


Denn Dünger ist vor allen Dingen erforderlich, das Moor in Kultur zu setzen. Wer selbst noch kein Vieh anzuschaffen im Stande ist, sammelt mit Bienenfleiß jedes Stückchen Dünger und vermischt es mit „Plaggen“, Stroh und allem häuslichen Abfalle.


Hier kennt man kein frohes gemeinschaftliches Spiel der Jugend, keine Poesie des kindlichen Alters, keine Träume und Phantastereien der Jugendjahre, dem, hier wird nur das Kind für die harte Schule des Lebens geboren, um in derselben Ausdauer, Umsicht, Sparsamkeit, stille Zufriedenheit und einen gewissen Stolz zu erwerben. 20 bis 30 Jahre vergehen oft, bevor der Kolonist Rosen zu brechen hoffen darf.
Sein Haus ist seine Welt. Was da draußen geschieht, ihn kümmerts so wenig, wie die dort sich um ihn kehren. Freud und Leid genießt er mit den Seinen. Öffentliche Feste und Lustbarkeiten hat er nicht, kann er nicht haben, ja er kennt sie kaum; der nächste Nachbar wohnt zu fern, um regelmäßigen Verkehr mit ihm zu haben, das nächste Dorf ist vielleicht stundenweit entfernt. Auch fehlts ihm an Zeit, den Vergnügungen nachzugehen. Arbeiten, essenn schlafen — das ist seine Tagesordnung von Sonntag bis Sonntag, diesen Tag mit einbegriffen. Lektüre verirrt sich nicht hierher; will man lesen, so hat man an Bibel, Gesangbuch, Katechismus und an den sonstigen Schulbüchern der Kinder genug. Der Geselligkeitstrieb wird immer mehr getödtet, das ganze Dichten und Trachten geht nur auf Erwerb hinaus.
Trotz seiner scheinbaren Poesie ist doch das Leben auf dem Moore ein Dasein voll bitterer Prosa, voll Arbeit und Entsagung.

*) Wir haben über diese scheußliche Landplage, das „höllische“, die Luft auf ungeheuer weite Strecken verpestende Moorbrennen schon Globus IV, S. 149 gesprochen. Leider wird man ein Verfahre, das alljährlich nicht blos im nordwestlichen Deutschland fast alle schönen Frühlingstage verdirbt, nicht verbieten können. Aber ich erinnere mich, daß ein Bremer, welchem man sagte, daß die Moorbrenner doch auch Menschen seien und leben müßten, entgegnete: „daß die Moorbrenner Menschen seien, leugne ich geradezu; sie sind Ungeheuer; und daß sie auf der Welk zu existiren brauchen, dafür sehe ich keine Nothwendigkeit ab“. Das war an einem Tage, an welchem der stinkende Moorrauch so dick aus der ganzen Wesergegend lag, daß man kaum ein paar Schritte weit sehen konnte.

 

 

Torfabbau 2008 bis zum Horizont - soweit das Auge reicht. >>vergrößern<<

 

Fotos und Bilder von Ostrhauderfehn. Levrai, 2008.

 
   

 

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